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Der Computer-Freak und sein Stress

50 Jahre Erfahrung mit Computern

von Otto Praxl


Am Anfang aller Computeranwendungen in Firmen und Ingenieurbüros, so um das Jahr 1965 herum, war es noch leicht, mit der Entwicklung mitzuhalten. Von Computern verstand kaum einer etwas. Computerfreaks und ernsthafte Computerdompteure waren unter sich und halfen sich gegenseitig per Telefon. Man kannte alle, die den gleichen Rechner hatten. Man kannte sich auch untereinander.
Das war die große Zeit der Benutzergruppen für bestimmte Fabrikate.

Etwa ab 1970 war eigenes Programmieren in ALGOL auf Lochkarten oder Lochstreifen möglich. Die Programme mussten komplett konzipiert sein, bevor man sie ins Lochkartenformular eintragen konnte. Für jede Programmzeile im Lochkartenformular wurde im Rechenzentrum eine eigene Lochkarte gestanzt. Programmänderungen im fertigen Lochkartenstapel wurden durch Herausnehmen oder Einfügen von Lochkarten durchgeführt.

E
twa um 1977, während meines Informatikstudiums, sandte ich meine ALGOL-Programme auf Lochkartenformularen an das Rechenzentrum der Uni und erhielt den Quellcode, die compilierten Programme und die Fehlermeldungen auf Lochkarten zurück. Später mussten wir als Studienarbeit ein Betriebssystem in selbst erfundener Assemblersprache schreiben, dokumentieren und per Gedankenexperiment zum "Laufen" bringen. Hardware zum Ausprobieren stand uns Studenten nicht zur Verfügung. Da gab's noch kein Klicken, da wusste man noch, was man tat. Da liefen die Programme zuerst im Kopf.

Man konnte auch schon auf Minicomputern arbeiten, die leibhaftig im Büro standen. Der Prozessor (die CPU) war noch eine riesige Platine, Mikroprozessoren waren dafür noch nicht verfügbar. Man konnte in FORTRAN auf einem Teletype (umgebaute Fernschreibmaschine) Programme eingeben und Ergebnisse ausdrucken. Später gab es Bildschirme mit grüner Schrift auf schwarzem Hintergrund als Ein- und Ausgabegeräte. Man arbeitete auch mit PASCAL und erzeugte die ersten Grafiken aus Schriftzeichen oder man erzeugte direkt im Bildspeicher Pixelbilder per Programm, die man auf dem Bildschirm als Speicherabbild ansehen konnte. Private Hardware konnte man sich nicht leisten. Also blieb man nach Feierabend noch im Büro und setzte seine eigenen Ideen um. Auf welche Tricks man dabei kam, nur um ein paar Bytes zu sparen, das können sich heutige Freaks kaum mehr vorstellen.

Die lauffähigen Programme, um die es ging, mussten kleiner als 32 kB sein, denn die Arbeitsspeichergrößen dieser Computer betrugen 32 und später 64 kB. Die Festplatten dieser Minicomputer hatten 15 MB. Man arbeitete noch mit Disketten von 8" (= 20 cm) Durchmesser, die zerflatterten, wenn man sie herauszunehmen vergaß und sie dauernd liefen. Die Daten wurden auf riesigen Magnetbandspulen gesichert. Auch das Installieren der Software erfolgte vom Magnetband. Die Bandgeräte hatten die Größe einer Waschmaschine.

Etwa um 1980 kamen Heimcomputer mit BASIC, Gummitastatur und Anschluss an das Fernsehgerät. Das waren Spielzeuge. Als dann die Personal Computer (PC) mit DOS kamen, war es klar, dass man sich, ob Freak oder Profi, so einen PC leistete. Von den Kollegen hatte man kein Verständnis zu erwarten. Sie fragten ganz offen, ob es nicht reiche, im Büro den ganzen Tag mit solchen Kisten zu tun zu haben. Sie konnten sich nicht vorstellen, was man privat damit machen könnte.
Mit dem PC begann der Stress. Laufend kam Neues an Hardware heraus. Auch das Betriebssystem wurde laufend verbessert und kam als jeweils neueste Version auf den Markt. Auf DOS folgte Windows in mehreren Versionen kurz aufeinander. Man las jeden Monat mehrere Computerzeitschriften, damit man ja nichts versäumte. Allmählich gab es gute Anwendungssoftware für DOS und Windows zu kaufen. Textsysteme, Entwicklungstools, Grafiksoftware, Musiksoftware, schließlich ganze Multimedia-Pakete. Man stürzte sich auf alles, was zu haben war.

Auch die Prozessoren wurden besser, schneller, leistungsfähiger. Auch hier musste man jede Stufe mitmachen und aufrüsten, anpassen und tunen. Den Mikroprozessoren 8080 und 8086 folgte der 80186, dann der 80286, der 80386, der 80486 und der 80586. Später hießen die neuen Prozessoren Pentium, sie waren die Prozessoren der fünften Generation auf einem einzigen Chip. Meist schon nach drei Jahren war eine komplette Aufrüstung mit Prozessorwechsel oder gleich ein neuer Rechner fällig, die alte Kiste war ja nicht mehr schnell genug.

Die Softwarehersteller passten ihre Anwendungssoftware wiederum an die neuen Prozessoren an und brachten neue Versionen heraus. Also neue Updates! Manchmal hatte man das vorherige Update noch gar nicht installiert, da gab es bereits die nächste Version. Warum sollte man das alte Update noch installieren? Gleich die neue Version musste her.

1989 war AOL aktuell, man sammelte Erfahrungen mit diesem geschlossenen System. 1995 kam der Internet-Boom. Der wurde selbstverständlich auch mitgemacht. E-Mail-Adresse und Internet-Zugang mussten her, gleich doppelt oder dreifach, falls ein Provider ausfiel, dass man nicht ohne Verbindung dastand. Man konnte rund um die Uhr online sein. Nur war dieses Vergnügen noch sehr teuer und wurde mit Minutenpreisen per Telefonrechnung abgerechnet.

Wenn man die Leserzuschriften und die Beiträge in den Computerzeitschriften verfolgte, musste man feststellen, dass es nichts Wichtigeres gab, als immer auf dem neuesten Stand zu sein, den schnellsten Rechner und die neueste Version der gängigen Programme zu haben. Man strebte danach, immer erreichbar zu sein. Nur ja nichts versäumen!

Für jeden Freak kommt dann einmal das so sehr gefürchtete unvorhergesehene Ereignis. Da werden andere Dinge plötzlich wichtiger: Die Gesundheit, die Familie, der Beruf. Im Krankenhaus hat er dann Zeit, nachzudenken über seinen Stress, der ihn so weit gebracht hatte.

Wieder zuhause, fängt er an, wieder Anschluss zu finden. Er hat so manches Update versäumt, ist plötzlich um zwei bis drei Prozessor-Generationen "hinten", Prozessortakt und CD-ROM-Speed seiner Kiste sind von vorvorgestern. Sein langsames Modem begrüßt beim Herunterladen jedes einzelne Byte mit Handschlag.

Momentan muss er das verwenden, was er hat, muss seine Briefe und die sonstigen Aufgaben mit der "uralten" Software auf einer angeblich total lahmen Kiste erledigen. Allmählich merkt er, dass er mit seiner alten Textverarbeitung durchaus zufrieden sein kann, dass die Grafiken auf seinem Bildschirm schnell genug aufgebaut werden und die Videos ruckelfrei laufen. Das Internet verwendet er nun als riesiges Lexikon, in dem man nicht ziellos blättert, sondern, wenn es nötig ist, gezielt sucht und findet.

Jetzt erst probiert er seine veralteten Programme aus und sieht, dass er damit durchaus sinnvoll arbeiten kann. Auch neue Programmideen setzt er mit der nun "total veralteten" Entwicklungssoftware um. Früher hatte er vor lauter Tunen, Updaten, Aufrüsten, Installieren und Testen der neuesten Produkte kaum Zeit, mit den vorhandenen Programmen zu arbeiten. Jetzt erst sieht er, welche Schätze er zuhause hat und welche ungenutzten Möglichkeiten in ihnen stecken.

Jetzt, mit 50 Jahren Computer-Erfahrung, bin ich ruhiger geworden. Ich bin nicht ununterbrochen im Internet, sondern ich sehe täglich nur einmal nach meinen E-Mails. Dazu verbinde ich den Rechner von Hand per Surfstick mit dem Internet und ziehe den Stick vom Rechner, sobald ich die E-Mails gelesen habe. Ein internetfähiges Smartphone besitze ich nicht, ich besitze nur ein Mobiltelefon, mit dem ich telefonieren und SMS senden und empfangen kann.

Auf meinem neuen Notebook ist Windows 10 drauf. Ich verwende es kaum, denn es will immer ins Internet. Gut, dass ich kein WLAN als eingebautes Internet habe, sondern per Stick von Hand erst einmal die Internetverbindung herstellen muss. Die sprechende Assistentin von Windows 10 hat mich dauernd genervt, sie fand keine Internetverbindung und mahnte sie dauernd an. Dann sagte ich "Cortana, halt's Maul!" und schaltete sie ab.

Viel lieber verwende ich Linux auf dem neuen Notebook. Da muss man sich nirgends anmelden und auch keine Software registrieren oder aktivieren. Und die gängigen Anwendungsprogramme gibt's kostenlos ohne Kauf von Lizenzen.

Jeder wird einmal vernünftig, der eine früher, der andere später.
Bei mir hat es 50 Jahre gedauert, bis ich es begriffen habe:
Es gibt Wichtigeres auf der Welt als Computer, Software und Internet.


Es grüßt freundlich

Otto Praxl

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